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Streckenführung
Mit freundlicher Genehmigung der Universität Greiswald
Das Streckennetz der Hanauer Kleinbahn ist verhältnismäßig übersichtlich. Das Schema des Streckenplans ist gelegentlich im Internet zu finden. Allerdings ist das Umfeld der Strecke oft nicht zu erkennen. Mit Hilfe von Preußischen Messtischblättern lässt sich diese Sache etwas verbessern. Wer sich die Strecke im Detail angucken möchte, kann für eine größere Darstellung in die Karte oben klicken.
 

Die Streckenführung der Hanauer Kleinbahn

Die bisher bekannten Informationen

 

Im Folgenden werden einzelne markante Punkte der Strecke aufgegriffen und besprochen. Auf dieses Art und Weise wird hoffentlich der relativ übersichtliche Streckenverlauf erinner- und begreifbar. Die verfügbaren historischen Fotos der Hanauer Kleinbahn werden hier in einen geographischen und inhaltlichen Kontext gestellt um die einzelnen Bilder in einem Gesamtzusammenhang zu einem Teil eines kompletteren Gesamteindrucks zu machen.

 

Planung, Bau und Eröffnung

Nach verschiedenen Vorschlägen bezüglich Streckenverlauf und Spurweite entschloss man sich recht bald, die Strecke so zu bauen wie sie auch realisiert wurde. Während heute eher Unterschriften gegen den Bau von Bahnstrecken gesammelt werden, wurden damals Unterschriften für den Anschluss an die Bahnstrecke gesammelt. Letztendlich bedeutete ein Bahnanschluss in der Ära vor dem Beginn des motorisierten Individualverkehrs auch wirtschaftlichen Aufschwung. In einem Zeitalter nahezu ohne außerfamiliäre soziales Netz eine dringende Notwendigkeit für das persönliche Überleben!

Um das wirtschaftliche Überleben ging es auch bei der Hanauer Kleinbahn bereits vor dem ersten Spatenstich an der Strecke: Die mit der Planung beauftragte Firma Henzel und Reimherr wollte die Bahnstrecke mit offenbar minimalem Eigenkapital bauen und forderte von den Gemeinden, die Grundstücke für Bahnlinie und Bahnhöfe kostenlos zur Verfügung zu stellen. Einige Gemeinden kamen dieser Forderung bereitwillig nach. Andere Gemeinden wie Langendiebach lehnten sie strikt ab.So wurde die Bahnstrecke nicht bis Büdingen gebaut, wie es der Name des initiierenden Komittees im Namen ankündigte. Statt dessen endete sie in Hüttengesäß. Während der Widerstand der Gemeinde Langendiebach überwunden werden konnte, scheint das bei Alt- und Neuwiedermus nicht der Fall gewesen zu sein. Ein weiterer Grund für das Ende der Strecke in Hüttengesäß dürfte sein, dass die Preußische Verwaltung Wert darauf legte, dass die Strecke preußisches Staatsgebiet nicht verlässt. Altwiedermus und Büdingen lagen allerdings auf hessischem Staatsgebiet

Nach einem Wechsel des Bauträgers im Jahr 1894 begannen die Arbeiten an der Strecke Anfang April 1896. Bereits Ende September des selben Jahres erfolgte die eisenbahntechnische Abnahme der Strecke nach Hüttengesäß sowie des Abzweigs Richtung Langenselbold. Am 1. Oktober 1896 wurde die Bahnstrecke offiziell eröffnet und nahm den Betrieb auf. Der Geschäfts- und Warenverkehr der Anliegergemeinden verlagerte sich nun auf Grund der besseren Anbindung un der kürzeren Wege stärker in Richtung Hanau. Für die Versorgung der Stadtbevölkerung mit Nahrung war dies ein wichtiger Schritt.

Aber die Kleinbahn hatte auch eine wirtschaftliche Bedeutung für Hanau: 1893 eröffnete Dunlop die erste Reifenfabrik auf dem Europäischen Festland – und zwar in Hanau.*) Vielen jungen Leuten erschien die Arbeiter in der Reifenfabrik offensichtlich attraktiver zur Sicherung ihres Lebensunterhalts, als weiterhin in der Landwirtschaft zu arbeiten.*) Die Hanauer Kleinbahn beförderte in der Zeit ihres Betriebs täglich über 2.000 Pendler aus dem Hanauer Umland in die Industriebetriebe in Hanau.

 

Verlauf der Strecke

In diesem Abschnitt sollen die einzelnen Informationen und Mosaiksteinchen der Informationsschnippsel zu einem möglichst geschlossenen Bild zusammengesetzt werden.

Ausgangspunkt der Strecke war der Hanauer Lokalbahnhof, der etwa 50 Meter östlich der Bahnstrecke Friedberg – Hanau und ca. 250 Meter südlich des Nordbahnhofs lag. Von diesem Kopfbahnhof führte die Strecke in einem Bogen in östliche Richtung am Südrand von Hanau-Lamboy vorbei. Nach 1,2 Kilometern erreichte die Strecke den Haltepunkt Neuhof. Nach diesem Haltepunkt folgte die Strecke der Landstraße ins Kinzigtal. Etwa 3,7 km in nordöstlicher Richtung entfernt lag Abzweigung/Haltepunkt Rückingen Weiche. Allerdings war diese Station nur ein Haltepunkt für Züge aus oder in Richtung Hüttengesäß.

Wie die Bezeichnung des letztgenannten Haltepunkts vermuten lässt, verzweigte sich die Strecke an der Rückinger Weiche. Bei genauerer Betrachtung der Satelitenbilder dieses Bereichs von Rückingen stellt sich heraus, dass die Bahnstrecke Richtung Langendiebach von der Leipziger Straße in die heutige Carl-Benz-Straße abgebogen ist. Von der genannten Straße lässt sich über die Waldstraße und die Rückinger Straße eine sanft geschwungene Verbindungslinie zum heute noch existietenden Bahnhofsgebäude etwa an an der Straßenecke Eugen-Kaiser-Straße/Reusserthofstraße ziehen.

 

Strecke nach Langenselbold

Nach der Rückinger Weiche bei Streckenkilometer 4,9 kam bei Streckenkilometer 6,0 der Bahnhof Rückingen. Dieser Bahnhof bafand sich im Bereich der heutigen Leipziger Straße in Erlensee-Rückingen. Von dort aus folgte die Strecke der Leipziger Chaussee, die heute wohl annähernd dem Zubringer zur A 66 Richtung Fulda entspricht. Es war sogar so, dass die Bahnstrecke auf der recht breiten Leipziger Chaussee verlief!

Die Strecke endete östlich unterhalb des Schlossbergs im Bereich zwischen Kinzig- und Leipziger Straße, was damals wohl noch freies Feld war. Wenn man allerdings die alten preußischen Messtischblätter zu Hilfe nimmt, erscheint es eher so, als hätte der Bahnhof eher im Bereich der heutigen Gelnhäuser Straße und deren Kreuzung zur Kinzigstraße gelegen.

Der Lokalbahnhof Langenselbold lag aus Fahrtrichtung Hanau kommend quasi hinter Langenselbold (Richtung der heutigen Gemeinde Gründau). Er lag westlich an der heutigen Kinzigstraße. Mit über zwei Kilometern war sowohl die Entfernung zum Staatsbahnhof sowie zur ca. 500 Metern zur Ortsmitte von Langenselbold lag er verkehrsgünstiger als der Staatsbahnhof Langenselbold an der Bahnstrecke Hanau – Bebra. Wenn die Kinzig Hochwasser hatte, oder auch im Winter war der Weg über die Kinzig zum Staatsbahnhof nicht unproblematisch. Deshalb wollte Otto Bützer, der Betriebsdirektor der Hanauer Kleinbahn kurz vor dem ersten Weltkrieg eine Gleisverbindung vom Lokal- zum Staatsbahnhof anlegen lassen.

Es gab auch Bestrebungen am westlichen Ortsrand von Langenselbold in der Nähe des Dampfsägewerks W. Bänscher einen Haltepunkt einzurichten. Auch dieser Plan wurde nie verwirklicht. Allerdings hatte die Hanauer Kleinbahn auch hier an ihrem "traditionellen" Weg des Grundstückserwerbs, der Schenkung, zur Einrichtung eines Haltepunktes festhalten wollen.

Am Langenselbolder Kleinbahnhof hatte die Leimfabrik einen schmalspurigen Anschluss an die Hanauer Kleinbahn. Möglicherweise bestanden Pläne, die Hanauer Kleinbahn bis Richtung Rothenbergen (heute Gründau-Rothenbergen) auszubauen. Auch diesem Projekt stand wohl der erste Weltkrieg im Weg. Der weitere Ausbau der Strecke weiter ins Kinzigtal wäre eine Erklärung für die Lage des Bahnhofs der Kleinbahn in (oder eher bei) Langenselbold.

 

Strecke nach Hüttengesäß

Die Strecke nach Hüttengesäß war merklich länger und wohl auch ökonomisch attraktiver. Sie verlief von der Rückinger Weiche zum Bahnhof Langendiebach (Kilometer 6,5), dessen Gebäude in umgebauter Form noch heute in der Eugen-Kaiser-Straße steht. Hier war auch der Anschluss zur Zigarrenkistenfabrik Holzschneiderei Brüning und Sohn (ein Gebäude neben der ehemaligen Hansa-Bühne in Langendiebach). Der Gleisanschluss der Holzschneiderei erfolgte über die heutige Straße "Pfortenweingarten".

Bei Kilometer 9,0 erreichte die Strecke bei Kilometer 9,0 den Bahnhof Ravolzhausen. Die Lage des Bahnhofs war im Bereich Fallbach/Rhönstraße (siehe diese Quelle). Die Bahnhofstraße in Ravolzhausen führt also vermutlich nicht bis zum ehemaligen Bahnhof der Hanauer Kleinbahn. Allerdings führt ihre Verlängerung genau zu der genannten Straßenecke. Von diesem Bahnhof gab es einen Gleisanschluss zur Ziegelei in Ravolzhausen. Über den genauen Namen der Unternehmung gehen die Angaben auseinander: Während Wolf-Dietger Machel einen Anschluss der Ringofenziegelei "Müller & Will" nennt, erwähnt die Ronneburger History-Plattform die Unternehmung "Ravolzhausen, Ziegelei". Die Gemeinde Neuberg, zu der Ravolzhausen heute gehört, benennt die Firma als „Dachziegelwerke Ravolzhausen“. Wikipedia und diverse Ableitungen von dieser Seite nennen das Dachziegelwerk "Heinrich Böhmer GmbH". Im Bereich Ravolzhausen soll auch noch ein Teil des Bahnkörpers auszumachen sein. Die Trasse soll im Abstand von 150 – 200 Metern zur Straße neben einem Bach verlaufen.

Dann ging es weiter hinein ins Ronneburger Hügelland: Nächste Sation war der Haltepunkt Bruderdiebacherhof. Zu diesem Hof gehörte auch die Koch'sch Mühle, die 1931 geschlossen wurde, weil mit der Betriebeinstellung der Hanauer Kleinbahn auch die notwendige Infrastruktur für diese Mühle weggefallen war.

Der Endbahnhof in Hüttengesäß war auch wieder etwas weiter vom Ort entfernt: 1,5 Kilometer waren es vom Ortskern bis zu dem, an der Straße nach Langenselbold gelegenen Endbahnhof in Hüttengesäß. Allerdings ist es sich bei dieser Straße welche heute die Kennzeichnung L 3009 trägt. Bei der angesprochenen Straße handelt es sich um jene, die am südöstlichen Ortsauagang von Hüttengesäß Richtung Baumwieserhof und Langenselbold abzweigt! Ein weiteres Indiz ist der Name der Straße, die zu einem einzelnen Gebäude am südöstlichen Ortsrand von Hüttengesäß führt: Die Bahnhofsstraße!

Einzeln beleuchtete Punkte der Strecke
Kleinbahnhof Hanau

Hanauer Klein- oder Lokalbahnhof

Der Hanauer Bahnhof der Hanauer Kleinbahn lag in unmittelbarer Nähe zum Nordbahnhof in Hanau.

Hp Neuhof

Haltepunkt Neuhof

Der Haltepunkt Neuhof folgte ca. 1,2 Streckenkilometer nach dem Hanauer Lokalbahnhof. Er Lag im Bereich des Lamboywalds. Seine genaue Verortung scheint allerdings bisher nicht eindeutig möglich.

Rückinger Weiche

Rückinger Weiche

Das Gebiet der Rückinger Weiche ist seit den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts mehrfach überbaut worden. Hier helfen (fast) nur noch überlegungen und genaue Beobachtung der Strukturen und Grundstücksgrenzen.

 
Strecke nach Hüttengesäß
Rückinger Weiche

Bahnhof Langendiebach

Der Bahnhof Langendiebach ist – obwohl merklich umgebaut – eines der wenigen noch existenten Artefakte der Hanauer Kleinbahn. Auch der Gleisanschluss der Holzschneiderei J. Brüning & Sohn Akt.-Ges. wird hier behandelt.

Hp Ravolzhausen

Bahnhof Ravolzhausen

In Ravolzhausen muss man schon sehr genau hingucken, um Spuren der Hanauer Kleinbahn zu entdecken, aber es gibt sie. Vom Bahnhof selbst ist nichts mehr übrig, aber Die Trasse der Hanauer Kleinbahn wir – soweit nicht überbaut – noch von Fußgängern genutzt!

Bruderdiebachhof

Haltepunkt Bruderdiebacherhof

Ein Haltepunkt an einem ehemaligen Musterhof des Klosters Selbold. Auch ein Ladegleis für die Koch'sche Mühle neben dem Hof.

 
Strecke nach Langenselbold
Bahnhof Rückingen

Bahnhof Rückingen

Der Bahnhof in Rückingen selbst ist wohl nicht mehr erhalten. Aber das Gebäude der Bahnhofskneipe steht noch!

Rückinger Weiche

Bahnhof Langenselbold

Von der Strecke nach Langenselbold ist quasi gar nichts mehr übrig geblieben. Einzig die annähernd deckungsgleiche Überlagerung einer aktuellen Karte durch das preussische Messtischblatt gibt Anhaltspunkte!